Print stirbt! Srsly?

Print stirbt! Srsly?

Seit vielen Jahren wird die Botschaft mit nahezu penetranter Beständigkeit postuliert: Das Ende von Print ist nah! Die Mediennutzer würden sich von den unpraktischen, nach Drucklegung eh bereits veralteten Zeitungen und Zeitschriften abwenden und ihr Glück im Digitalen finden. Die Zukunft von Printmedien liege auf Tablets und Smartphones. Aber warum ist dann an einem Montagmorgen die Schlange am Zeitungskiosk des Hamburger Flughafens so lang? Warum liegen in Cafés so viele hochwertige Zeitschriften aus? Es müsste doch langsam mal soweit sein mit dem prophezeiten Ende von Zeitungen und Zeitschriften! Oder ist Print widerstands- und anpassungsfähiger als erwartet? Gedanken zu den Zukunftsperspektiven eines längst totgesagten Mediums.

 

Die schlechte Nachricht für Verlage

Der durch die Digitalisierung hervorgerufene Wandel in der Medienlandschaft fasziniert mich. Schon während meines Master-Studiums habe ich untersucht, wie Personen digitale Tageszeitungen nutzen. In meiner Dissertation habe ich analysiert, was Sportfans von Medien im Allgemeinen erwarten und für welche Inhalte sie bereit sind, Geld auszugeben. Die schlechte Nachricht für Verlage: Für fast gar keine. Das Smartphone ist das wichtigste Medium für Sportfans, Printmedien sind die unwichtigsten. Online wollen die Nutzer vor allem eines: Kostenlose Informationen erhalten. Für sie persönlich wichtige Informationen erhielt die Mehrheit der von mir befragten Personen zuerst über eine Website, die sie regelmäßig besucht. Push-Mitteilungen, die sie direkt auf ihr Smartphone erhält, waren ebenfalls eine wichtige Informationsquelle. Mediennutzer schätzen die Aktualität der digitalen Nachrichtenangebote. Darin dürfte auch die hohe Relevanz digitaler Informationsangebote im Alltag begründet liegen. Beachtenswert war vor diesem Hintergrund, dass 95 Prozent der befragten Sportfans angaben, kein Geld für journalistische Online-Angebote auszugeben. Das einzige Medium für das einige der Teilnehmer Ausgaben tätigen, war ein Abonnement des Bezahlsenders sky, der den Großteil aller Bundesliga-Partien live überträgt. Die Konsumenten möchten nutzen, aber nicht bezahlen.

 

 

Die gute Nachricht für Verlage

Die gute Nachricht für Verlage: Es gibt noch Personen, die Printprodukte lesen und diese käuflich erwerben. 33 Prozent der Befragten bezog gedruckte Zeitungen oder Zeitschriften über ein Abonnement. Hier zeigte sich, dass Mediennutzer bereit sind, Geld für Special Interest-Produkte auszugeben: Wochenzeitungen oder Zeitungen mit starkem lokalen Bezug, Magazine zu den Themen Essen und Trinken, Segeln, Fußball, Kino, Mode und Beauty oder Fitness waren beliebt. All dies sind spezielle Interessen und es kann davon ausgegangen werden, dass sie Teil der persönlichen und der sozialen Identität der Mediennutzer sind. Dies erhöht die Bereitschaft, für die Nutzung zu bezahlen und sich bewusst Zeit für die Nutzung dieser Medien zu nehmen. Die Spezialisierung auf ein bestimmtes Thema spricht Mediennutzer an, alles andere finden sie im Content-Dschungel des Internets sowieso irgendwo gratis.

Der Nutzer als Gestalter des Medienmarktes der Zukunft

Ich bin der Überzeugung, dass Print nicht sterben wird. Es wird sich nur den veränderten Mediennutzungsgewohnheiten seiner Zielgruppe anpassen. Aus dieser These lässt sich schlussfolgern, dass der Nutzer selbst die Entwicklung des Marktes für Printprodukte maßgeblich mitgestaltet. Meine Untersuchung hat gezeigt, dass bei Sportmediennutzern zwei völlig unterschiedliche Denkweisen existieren. Während die eine Gruppe über den Entstehungsprozess von Medieninhalten reflektiert und dafür zu zahlen bereit ist, geht es der anderen Gruppe primär darum, kostenfreie Informationen zu erhalten. Die Gründe für die fehlende Zahlungsbereitschaft liegen in persönlichen Überzeugungen der Nutzer. Es wird angeführt, dass Medien sich durch Werbung ausreichend finanzieren könnten, der Staat ein Grundrecht auf kostenfreie Information garantieren müsse und, dass es „Netztradition“ sei, immer alles kostenlos zu erhalten. Hier findet keine Überlegung darüber statt, wie problematisch es ist, wenn Verlage in erster Linie Anzeigenkunden oder dem Staat als Auftraggebern verpflichtet sind. Die andere Gruppe hingegen finden es angebracht, für die Nutzung digitaler Medien zu zahlen und sieht ihre eigenen Interessen in Bezug auf die Mediennutzung nicht an erster Stelle. Hier wurde überwiegend angemerkt, dass hinter jeglicher Art von Medieninhalten Personen stehen, die diese erstellt haben. Sie sorgt sich darum, dass diese nicht angemessen bezahlt werden und von ihrer Erwerbstätigkeit nicht „leben“ können. Zudem fürchten diese Nutzer einen Qualitätsverlust bei kostenfrei verfügbaren Medien.

 

25 Artikel in fünf Minuten – Ist das noch Lesen?

Die Digitalisierung der Medienlandschaft ist ein Prozess, der andauern wird und dessen Ende nicht absehbar ist. Die Verlage werden das Angebot ihrer Medienmarken den Nutzungsgewohnheiten ihrer Kunden anpassen müssen, da diese aus einem Überangebot von Informationen jederzeit das heraussuchen können, was für sie persönlich über Relevanz verfügt. Nutzer, die eine Nachrichtenwebsite aufrufen, bleiben knapp fünf Minuten auf dieser und rufen 24.8 Seiten auf. Eine kurze Verweildauer für die hohe Anzahl an angeklickten Artikeln. Hier kann die Frage gestellt werden, inwiefern Konsumenten überhaupt noch Informationen aufnehmen oder sich mit diesen beschäftigen. Das Medienangebot ist sehr groß und viele Kommunikationskanäle wie Facebook oder der Kurznachrichtendienst Twitterstellen Informationen extrem verkürzt dar. Dem Konsumenten obliegt die Verantwortung, selbst zu entscheiden, wie er mit dem Überangebot an Informationen umgeht. Die heutige Medienlandschaft erfordert mündige und eigenverantwortliche Leser, die wissen, wie mit dem zur Verfügung stehenden Medienmix umzugehen ist. Zudem werden soziodemographische Faktoren der Mediennutzer wie Alter, Bildungsstand, Beruf und vor allem das Haushaltseinkommen die Mediennutzung prägen. Special-Interest-Zeitschriften haben zwar ihre Zielgruppe, aber hochwertige Zeitschriften sind teuer: Viele Magazine sind ab fünf Euro zu haben, eine Sonntagszeitung liegt bei vier Euro. Bei einem begrenzten monatlichen Budget muss man sich diese Medien leisten können und wollen.

 

Content is King? Qualität is King!

Mediennutzer sind bereit für exklusive und qualitativ hochwertige Medieninhalte zu bezahlen. Für Verlage könnte es daher zukünftig eine mögliche Lösung sein, Informationen strikt von allen Arten von Inhalten zu trennen, deren Produktion an erhöhten Aufwand gebunden ist, und diese Arten von Content wiederrum nur gegen eine Gebühr zur Nutzung bereitzustellen. Videos, Interviews, Reportagen und Fotostrecken könnten so, auch für den Nutzer, wieder wertvoller erscheinen, da sie nicht jedem zugänglich sind. Ein verstärkter Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Erstellung einfacher Inhalte ließe die Kosten sinken und das Personal in Redaktionen könnte mehr Zeit in das Verfassen von aufwändigeren Contents investieren. Da viele Befragte angaben, dass ihnen eine hohe Qualität der Inhalte sehr wichtig ist und sie dafür auch bezahlen würden, könnte dies zukünftig ein tragbares Modell sein.

 

Neugierig?

Meine Dissertation mit dem Titel „Im Internet muss alles gratis sein. Zwischen Print und Digital – Eine empirische Untersuchung der Mediennutzungsgewohnheiten von Sportfans“ stelle ich Ihnen auf Anfrage gerne als PDF zur Verfügung. Schreiben Sie mir einfach eine Mail!

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